Warum Schulen jetzt schriftliche KI-Richtlinien brauchen
Die Zeit der improvisierten Einzelfall-Entscheidungen ist vorbei. Was 2023 noch als pragmatische Zurückhaltung durchging, ist 2026 fahrlässig: Wenn eine Schule keine schriftliche Richtlinie zum Umgang mit generativer KI hat, trägt jede einzelne Lehrperson das Risiko — für falsche Entscheidungen, für ungleiche Behandlung, für rechtliche Konsequenzen.
Dieser Artikel liefert eine praxistaugliche Vorlage, die Schweizer Schulen direkt übernehmen und an ihre Situation anpassen können. Sie basiert auf den bewährten Ansätzen der grossen Schweizer Hochschulen (UZH-Fünf-Stufen-Modell, EPFL-Transparenzpflicht, ETH-Verantwortungsprinzip) und wurde für die Bedürfnisse von Gymnasien, Berufsschulen und Sekundarschulen zugeschnitten.
Die sieben Bestandteile einer guten KI-Richtlinie
Eine wirksame KI-Richtlinie deckt sieben Elemente ab:
- Präambel und Grundhaltung: Warum KI thematisiert wird — und welche Werte die Schule dabei leiten.
- Definitionen: Was ist mit «KI» gemeint? Was ist ein «KI-generierter Text»?
- Erlaubnisstufen: Welche Nutzungsformen sind in welchem Kontext erlaubt?
- Offenlegungspflichten: Wie und wann müssen Lernende ihre KI-Nutzung deklarieren?
- Prüfung und Kontrolle: Welche Massnahmen ergreift die Schule zur Sicherstellung der Integrität?
- Sanktionen: Welche Konsequenzen drohen bei Verstössen — und wie läuft das Verfahren?
- Datenschutz: Welche Detektoren werden eingesetzt, welche Daten wie verarbeitet?
Vorlage Teil 1: Präambel und Grundhaltung
Die Präambel ist kein juristisches Beiwerk, sondern das pädagogische Fundament. Hier ein Textbaustein, der sich bewährt hat:
Generative künstliche Intelligenz wie ChatGPT, Claude oder Gemini ist Teil der Lebenswelt unserer Lernenden und wird Teil ihrer beruflichen Zukunft sein. Die Schule [Name] begreift ihre Aufgabe darin, Lernende auf einen verantwortungsvollen, kompetenten und kritischen Umgang mit diesen Technologien vorzubereiten.
Gleichzeitig gilt: Bildung lebt von der Auseinandersetzung des einzelnen Menschen mit Inhalten. Wo diese Auseinandersetzung nicht mehr stattfindet — wo KI eine Leistung ersetzt, die eigentlich der Lernende erbringen sollte — verlieren Prüfungen, Zeugnisse und Abschlüsse ihren Wert.
Diese Richtlinie regelt, wie KI im Schulalltag genutzt werden darf, wann Offenlegung nötig ist und welche Konsequenzen bei Verstössen drohen. Sie folgt drei Leitprinzipien:
- Kompetenzorientierung statt pauschaler Verbote.
- Transparenz und Verantwortung auf Seiten der Lernenden.
- Faire, nachvollziehbare Verfahren auf Seiten der Schule.
Vorlage Teil 2: Definitionen
Klare Definitionen verhindern spätere Streitgespräche über das «eigentlich Gemeinte».
- Generative KI: Software, die auf Basis grosser Sprachmodelle oder vergleichbarer Systeme selbständig Texte, Bilder, Code oder andere Inhalte erzeugt. Dazu gehören namentlich ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic), Gemini (Google), Copilot (Microsoft), DeepL Write, Perplexity, Poe und vergleichbare Dienste.
- KI-generierter Text: Ein Text, dessen Formulierung ganz oder in wesentlichen Teilen von einer generativen KI erzeugt wurde — unabhängig davon, ob er anschliessend von einem Menschen überarbeitet wurde.
- KI-unterstützter Text: Ein Text, bei dem generative KI für Recherche, Strukturierung, Korrektur oder Feedback eingesetzt wurde, der aber selbständig von einem Menschen formuliert wurde.
- Eigenleistung: Die intellektuelle Auseinandersetzung und schriftliche Formulierung durch die Lernende oder den Lernenden selbst.
Vorlage Teil 3: Die fünf Erlaubnisstufen
Das Kernstück jeder guten Richtlinie ist eine klare Taxonomie, welche Nutzung in welchem Kontext erlaubt ist. Hier ein bewährtes Fünf-Stufen-Modell:
Stufe 0 — Kein KI-Einsatz erlaubt
Anwendung: Prüfungen, Klausuren, Aufnahmeprüfungen, Matura-Arbeiten oder einzelne Prüfungsteile, bei denen unassistiertes Schreiben oder Denken explizit Teil der Leistung ist.
Regel: Jegliche Nutzung generativer KI ist untersagt. Die Lernenden erklären mit ihrer Einreichung, dass kein KI-Einsatz stattgefunden hat.
Stufe 1 — KI für Recherche
Anwendung: Erste Orientierung in einem Thema, Quellensuche, Erklärung von Fachbegriffen.
Regel: KI darf als Such- und Erklärungsassistenz eingesetzt werden. Jede wissenschaftliche Aussage muss jedoch aus einer überprüfbaren Primärquelle belegt werden — nicht aus der KI-Antwort selbst. Die formale Textproduktion erfolgt ohne KI.
Stufe 2 — KI für Überarbeitung
Anwendung: Schriftliche Arbeiten, in denen die Eigenleistung im Inhalt und in der Argumentation liegt, nicht in der orthographischen Perfektion.
Regel: KI darf für Rechtschreib- und Grammatikkorrektur, für Stilverbesserungen auf Satzebene und für einfache Umformulierungen genutzt werden. Nicht erlaubt: strukturelle Umgestaltungen, inhaltliche Ergänzungen, ganze Absätze.
Stufe 3 — KI als Schreibpartner
Anwendung: Grössere Projektarbeiten, Vertiefungsarbeiten, Seminar- und Bachelorarbeiten.
Regel: KI darf als Dialogpartner zum Brainstorming, zur Strukturentwicklung, für Feedback auf Entwürfe eingesetzt werden. Die finale Formulierung bleibt Eigenleistung. Die KI-Nutzung muss in einem separaten Dokument (KI-Journal) transparent dokumentiert werden: welche Tools wurden wofür eingesetzt, welche Prompts wurden genutzt, welche Antworten flossen in welcher Form in die Arbeit ein.
Stufe 4 — KI frei einsetzbar
Anwendung: Aufgaben, bei denen das funktionierende Ergebnis zählt, nicht der Prozess der Formulierung (z.B. Programmier-Übungen, in denen die Funktionalität bewertet wird).
Regel: KI darf frei eingesetzt werden. Die Lernenden müssen jedoch jederzeit in der Lage sein, ihr Ergebnis mündlich zu erläutern und zu modifizieren.
Vorlage Teil 4: Offenlegungspflicht
Transparenz ist das Herz einer funktionierenden KI-Richtlinie. Jede Einreichung ab Stufe 2 soll mit einer Offenlegungs-Erklärung versehen werden. Hier eine einsetzbare Formulierung:
Erklärung zum KI-Einsatz
Ich erkläre, dass ich diese Arbeit selbständig verfasst und alle benutzten Quellen angegeben habe. In Bezug auf den Einsatz generativer KI (ChatGPT, Claude, Gemini, Copilot etc.) erkläre ich:
☐ Es wurde keine generative KI eingesetzt (Stufe 0 oder 1).
☐ Generative KI wurde ausschliesslich für Rechtschreib- und Grammatikkorrektur eingesetzt (Stufe 2).
☐ Generative KI wurde als Schreibpartner eingesetzt. Ein KI-Journal ist als Anhang beigefügt (Stufe 3).
☐ Generative KI wurde frei eingesetzt (Stufe 4).
Mir ist bekannt, dass wissentlich falsche Angaben als Täuschungsversuch behandelt werden.
Ort, Datum, Unterschrift
Vorlage Teil 5: Prüfung und Kontrolle
Die Schule behält sich folgende Prüfungsmassnahmen vor:
- Stichprobenartige technische Prüfung: Eingereichte Texte können mit einem datenschutzkonformen KI-Detektor auf mögliche KI-Nutzung geprüft werden. Die Schule setzt dafür [Name des gewählten Detektors, z.B. AIDetector.ch] ein, der auf Schweizer Servern betrieben wird und mit einem Auftragsbearbeitungsvertrag abgesichert ist.
- Prüfung bei konkretem Verdacht: Bei Anhaltspunkten für KI-Einsatz ohne entsprechende Offenlegung kann eine gezielte technische Prüfung durchgeführt werden.
- Mündliche Verteidigung: Bei grösseren Arbeiten (ab Stufe 3) kann die Schule eine mündliche Befragung der Autorin oder des Autors ansetzen, in der die Arbeit inhaltlich erläutert werden muss.
- Einsicht in Arbeitsprozesse: Die Schule kann Entwürfe, Recherche-Notizen und Versionsgeschichten einfordern.
Ein technisches Prüfergebnis allein ist nie alleiniger Beweis. Es wird stets in Zusammenhang mit weiteren Beobachtungen, dem Gespräch mit der Lernenden und gegebenenfalls einer mündlichen Verteidigung gewürdigt.
Vorlage Teil 6: Sanktionen
Die Sanktionsordnung muss zu bestehendem Schulrecht und kantonalen Vorschriften passen. Als Orientierung ein dreistufiges Modell:
- Stufe A — Informelles Gespräch und Wiederholung: Bei erstem, geringfügigem Verstoss (z.B. Stufe-2-Nutzung ohne Offenlegung) wird das Gespräch gesucht. Die Arbeit kann mit Auflage überarbeitet und neu eingereicht werden.
- Stufe B — Notenabzug oder Bewertung mit 1: Bei substantiellem Verstoss (z.B. Stufe-3-Nutzung ohne Journal, Abgabe eines KI-generierten Texts ohne Offenlegung) wird die Arbeit mit einer ungenügenden Note bewertet oder mit Note 1 sanktioniert. Das formale Verfahren richtet sich nach der Schulordnung.
- Stufe C — Disziplinarverfahren: Bei schweren Verstössen (wiederholte Täuschung, Stufe-0-Verstoss in einer Matura- oder Abschlussarbeit, systematisches Umgehen der Richtlinien) wird ein Disziplinarverfahren durch die Schulleitung eröffnet. Mögliche Massnahmen: Verweis, Nicht-Bestehen der Prüfung, im Extremfall Ausschluss vom Bildungsgang — soweit nach kantonalem Schulrecht zulässig.
In jedem Fall gilt: Vor jeder Sanktion erhält die betroffene Person Gelegenheit zur schriftlichen oder mündlichen Stellungnahme. Die Schulleitung wird spätestens bei Stufe B informiert.
Vorlage Teil 7: Datenschutz
Die Schule verpflichtet sich zu einer datenschutzkonformen Umsetzung. Das umfasst:
- Tool-Auswahl: Eingesetzt werden nur Detektoren, die auf Schweizer oder EU-Servern betrieben werden und einen Auftragsbearbeitungsvertrag zur Verfügung stellen.
- Datenminimierung: Beim Upload in den Detektor werden identifizierende Angaben (Name der Lernenden, Klassen-ID) entfernt.
- Löschkonzept: Detektor-Ergebnisse werden nach abgeschlossener Prüfung gelöscht.
- Transparenz: Alle Lernenden und Erziehungsberechtigten werden zu Schuljahresbeginn schriftlich über den möglichen Detektor-Einsatz informiert.
- Auskunftsrecht: Lernende können jederzeit Auskunft verlangen, ob und welche ihrer Texte technisch geprüft wurden.
Anwendungsbeispiel 1: Gymnasium Zürich, Matura-Arbeit
Die Lernende arbeitet an einer Matura-Arbeit zur Geschichte der Spanischen Grippe in Zürich. Die Schule hat die Richtlinie wie folgt umgesetzt:
- Zuordnung: Matura-Arbeiten fallen auf Stufe 3 (KI als Schreibpartner erlaubt, mit Journal).
- Offenlegung: Die Lernende führt ein KI-Journal, in dem sie festhält, dass sie ChatGPT zur Strukturierung des ersten Entwurfs und für Feedback zum zweiten Kapitel eingesetzt hat. Prompts und Rohantworten sind dokumentiert.
- Eigenleistung: Alle finalen Formulierungen stammen von ihr. Das KI-Journal liegt der Arbeit bei.
- Ergebnis: Die Arbeit wird regulär bewertet. Die transparente Dokumentation wird im Kolloquium positiv gewürdigt.
Anwendungsbeispiel 2: Berufsfachschule Bern, Programmieraufgabe
Eine Berufsfachschule hat Programmieraufgaben auf Stufe 4 (KI frei einsetzbar) eingestuft. Die Lernenden dürfen GitHub Copilot oder ChatGPT frei nutzen. Der Bewertungsfokus liegt auf:
- Funktioniert der Code?
- Kann der Lernende jede Zeile erklären?
- Kann er bei einer Live-Aufgabe im Gespräch Anpassungen vornehmen?
Resultat: Lernende, die nur KI-Code abgeben, ohne ihn zu verstehen, fallen in der mündlichen Prüfung auf. Die Richtlinie schafft ein produktives, realitätsnahes Lernumfeld, in dem Verständnis über blosse Output-Produktion gestellt wird.
Anwendungsbeispiel 3: Sekundarschule Luzern, Deutschaufsatz
Eine siebte Klasse schreibt einen Deutschaufsatz zum Thema «Mein Lieblingsbuch». Die Lehrperson hat diese Aufgabe auf Stufe 1 (KI nur für Recherche) eingestuft. Vor der Abgabe unterschreiben alle Lernenden die Offenlegungs-Erklärung.
Bei einer Arbeit bemerkt die Lehrperson untypische Formulierungen. Sie spricht die Schülerin darauf an, hört sich ihre Erklärung an und lässt sie einige Abschnitte mündlich erläutern. Die Erklärungen sind unsicher — die Schülerin gibt zu, Teile mit ChatGPT verfasst zu haben. Nach Rücksprache mit der Schulleitung wird die Arbeit neu geschrieben, diesmal im Klassenzimmer und unter Aufsicht. Der Vorfall wird im Gespräch pädagogisch aufgearbeitet.
Vorlage Elternbrief (Auszug)
Sehr geehrte Erziehungsberechtigte
Generative künstliche Intelligenz wie ChatGPT ist Teil des Schulalltags geworden. Unsere Schule hat sich dazu entschieden, den Umgang mit diesen Werkzeugen nicht zu ignorieren, sondern bewusst zu gestalten — mit dem Ziel, Ihre Kinder auf eine kompetente, verantwortungsvolle und kritische Nutzung vorzubereiten.
Die KI-Richtlinie unserer Schule liegt diesem Brief bei. Sie regelt:
- Welche Formen der KI-Nutzung in welchen Aufgaben erlaubt sind
- Welche Offenlegungspflichten gelten
- Mit welchen Mitteln die Schule die akademische Integrität prüft
- Wie wir dabei den Schweizer Datenschutz einhalten
Wir setzen dafür auf Transparenz: Sowohl gegenüber Ihnen als auch gegenüber Ihren Kindern. Für Rückfragen stehen wir Ihnen unter [Kontakt] gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüssen
Die Schulleitung
Fazit: Richtlinien schaffen Klarheit — und entlasten
Eine gute KI-Richtlinie nimmt niemandem die Arbeit ab. Aber sie stellt sicher, dass die richtige Arbeit geschieht — und schützt sowohl Lehrende als auch Lernende vor willkürlichen Einzelfall-Entscheidungen. Die hier vorgestellte Vorlage ist bewusst generisch gehalten, damit sie von jeder Schule auf ihre Situation angepasst werden kann.
Der wichtigste Schritt ist oft der erste: Eine kleine Arbeitsgruppe aus Schulleitung, Lehrpersonen und idealerweise einer Elternvertretung zusammenbringen, die Vorlage durchgehen, anpassen und beschliessen. Alles weitere — Kommunikation, Schulung, Implementierung — ist dann Handwerk.
Quellen und weiterführende Ressourcen
- swissuniversities, Empfehlungen zu generativer KI im Hochschulbereich, 2024.
- EDK/CIIP, Positionspapiere zu Digitalisierung und KI im Bildungsbereich.
- Universität Zürich, Fünf-Stufen-Modell zur KI-Nutzung in Lehrveranstaltungen, 2024.
- Bundesgesetz über den Datenschutz (revFADP/nDSG), SR 235.1.
- Privatim, Leitfäden für Schulen zum Einsatz digitaler Tools.