Berufsbildung und KI: Eine andere Ausgangslage
Die Schweizer Berufsbildung ist weltweit einzigartig. Rund zwei Drittel aller Jugendlichen in der Schweiz absolvieren eine berufliche Grundbildung — eine Kombination aus Lehre im Betrieb und Unterricht an der Berufsfachschule. Dieses duale System hat besondere Stärken, aber auch besondere Herausforderungen, wenn es um generative KI geht.
Im Gymnasium ist die KI-Debatte primär eine Frage der akademischen Integrität: Hat die Schülerin den Aufsatz selbst geschrieben? In der Berufsbildung kommt eine zweite Dimension hinzu: Wie verhält sich der Einsatz von KI im schulischen Teil zum Einsatz von KI im Lehrbetrieb? Und wie geht man mit Berufen um, in denen KI-Nutzung explizit Teil der beruflichen Kompetenz ist?
Dieser Artikel zeigt, wie Schweizer Berufsschulen diese Fragen beantworten — mit konkreten Empfehlungen für die individuelle praktische Arbeit (IPA), die Berufsmaturitätsarbeit und die Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieb.
Was die Berufsbildung von Gymnasien unterscheidet
Vier Faktoren machen die Situation an Berufsschulen grundlegend anders als an Gymnasien:
- Der Betrieb als dritter Akteur: Neben Schule und Lernenden gibt es den Lehrbetrieb, der eigene Erwartungen und Regeln hat. Ein Lehrbetrieb, der intern ChatGPT nutzt, kann schlecht akzeptieren, dass die Berufsschule es komplett verbietet.
- Praxisnähe als Kernanspruch: Die Berufsbildung soll auf die Arbeitswelt vorbereiten. Wenn KI in der Arbeitswelt zum Standard wird, muss die Berufsschule das widerspiegeln — nicht ignorieren.
- Heterogene Berufe: Die KI-Relevanz variiert enorm zwischen Berufen. Ein Informatiker EFZ nutzt KI täglich. Eine Schreinerin EFZ braucht sie selten für ihre Kernarbeit. Eine Kauffrau EFZ liegt dazwischen.
- Die IPA als Praxisprüfung: Die individuelle praktische Arbeit (IPA) findet im Lehrbetrieb statt, wird aber von externen Expertinnen bewertet. Hier greifen Schulregeln nicht direkt.
Die IPA (Individuelle Praktische Arbeit): Sonderfall und Härtetest
Die IPA ist die zentrale Abschlussprüfung in der beruflichen Grundbildung. Sie findet im Lehrbetrieb statt, dauert je nach Beruf zwischen einigen Stunden und mehreren Tagen, und wird von Prüfungsexpertinnen bewertet. Für die KI-Frage ist sie besonders relevant, weil:
- Die Arbeit im beruflichen Kontext stattfindet, wo KI möglicherweise zum Arbeitsalltag gehört.
- Die Bewertung oft sowohl den Prozess als auch das Produkt umfasst.
- Die Prüfungsexpertinnen nicht die gleiche Vorgeschichte mit dem Lernenden haben wie eine Lehrperson.
KI-Regeln für die IPA nach Berufsfeldern
Informatik und Mediamatik
In der Informatik-Ausbildung ist KI ein besonders heikles Thema: GitHub Copilot, ChatGPT und Claude sind im Berufsalltag vieler Softwareentwickler Standard. Die IPA muss daher differenzieren:
- Erlaubt: KI-Assistenz für Code-Completion, Debugging, Recherche — sofern der Lernende den Code erklären und modifizieren kann.
- Nicht erlaubt: Komplette Code-Generierung ohne eigenständige Anpassung. Die IPA soll die Kompetenz des Lernenden prüfen, nicht die der KI.
- Dokumentation: Jeder KI-Einsatz wird in der IPA-Dokumentation festgehalten. Die Expertinnen fragen im Fachgespräch gezielt nach KI-unterstützten Passagen.
Kaufmännische Berufe (KV)
Im KV-Bereich ist die Lage weniger klar. KI kann Geschäftsbriefe, E-Mails, Berichte und Präsentationen erstellen — alles Kernkompetenzen kaufmännischer Berufe. Die IPA-Regelung muss daher restriktiver sein als im Berufsalltag:
- Die schriftlichen Teile der IPA sind in der Regel als Eigenleistung deklariert.
- KI darf für Recherche und Rechtschreibkorrektur genutzt werden, nicht für die Erstellung von Geschäftskorrespondenz.
- Das Fachgespräch prüft, ob der Lernende die Inhalte versteht und die Dokumente eigenständig erklären kann.
Handwerk und technische Berufe
In handwerklichen und technischen Berufen (Schreinerin, Polymechaniker, Elektroinstallateurin) spielt KI in der praktischen Arbeit eine geringere Rolle. Die schriftliche Dokumentation der IPA ist jedoch anfällig — hier gelten ähnliche Regeln wie für kaufmännische Berufe.
Gesundheitsberufe (FaGe, FaBe)
Fachpersonen Gesundheit (FaGe) und Fachpersonen Betreuung (FaBe) haben IPAs, die oft eine schriftliche Reflexions- und Dokumentationskomponente enthalten. KI-Nutzung für Reflexionstexte untergräbt den pädagogischen Sinn dieser Komponente. Hier gilt: Eigenleistung ohne KI-Unterstützung bei Reflexionstexten.
Die Berufsmaturitätsarbeit
Die Berufsmaturitätsarbeit ist das akademische Gegenstück zur IPA — eine schriftliche Arbeit, die während der Berufsmaturität verfasst wird und in Umfang und Anspruch einer kleinen Matura-Arbeit entspricht. Für die KI-Erkennung gelten dieselben Prinzipien wie am Gymnasium:
- Stufe 3 als Standard: KI als Schreibpartner mit Journal. Alle finalen Formulierungen sind Eigenleistung.
- KI-Journal: Laufende Dokumentation der KI-Nutzung.
- Zwischenbesprechungen: Mindestens zwei Termine mit der betreuenden Lehrperson.
- Technische Prüfung: Detektor-Einsatz bei der Endversion.
- Mündliche Verteidigung: Präsentation und Fachgespräch, in dem der Lernende seine Arbeit verteidigt.
Eine Besonderheit der Berufsmaturitätsarbeit: Sie steht oft in direktem Bezug zum Lehrbetrieb. Wenn ein KV-Lernender über die Digitalisierung in seinem Unternehmen schreibt, hat er Zugang zu internen Daten und Erfahrungen, die keine KI liefern kann. Aufgabenstellungen, die diesen Praxisbezug betonen, sind automatisch KI-resistenter.
Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Betrieb
Die grösste Herausforderung der Berufsbildung ist die Koordination zwischen den Lernorten. Wenn die Berufsschule KI verbietet, der Lehrbetrieb sie aber täglich nutzt, entsteht Verwirrung. Umgekehrt: Wenn die Schule KI erlaubt, der Betrieb aber erwartet, dass Lernende «alles selbst können», gibt es ebenfalls Reibung.
Drei Empfehlungen für die Lernort-Koordination:
- Gemeinsame Grundsätze formulieren: Schule und Leitbetrieb einigen sich auf ein einfaches Regelwerk, das beide Kontexte abdeckt. Kernaussage: «KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz. In Prüfungssituationen gelten die Regeln der prüfenden Institution.»
- Bildungsverantwortliche einbeziehen: Der oder die Berufsbildungsverantwortliche im Betrieb sollte wissen, welche KI-Regeln in der Schule gelten — und umgekehrt. Ein kurzer Informationsaustausch zu Beginn des Lehrjahres reicht oft.
- Branchenverbände als Multiplikatoren: Organisationen der Arbeitswelt (OdA) wie Swissmem, IGKG oder ICT-Berufsbildung Schweiz können branchenweite Empfehlungen zum KI-Einsatz in der Lehre formulieren — und damit Einzelbetrieben und Berufsschulen Orientierung geben.
Branchenspezifische Perspektiven
ICT-Berufe
In der ICT-Branche ist KI-Kompetenz Teil des Berufsbilds. Der Bildungsplan für Informatiker/in EFZ und Mediamatiker/in EFZ wird laufend angepasst. Die Frage ist hier nicht «ob KI», sondern «wie KI verantwortungsvoll nutzen». Berufsschulen, die KI pauschal verbieten, handeln gegen den Bildungsplan.
Kaufmännische Berufe (KV-Reform 2023)
Die KV-Reform 2023 hat die kaufmännische Grundbildung grundlegend umgestaltet — mit stärkerem Fokus auf Handlungskompetenzen. KI passt in dieses Bild: Die Kompetenz, einen Geschäftsbrief zu verfassen, ist auch dann relevant, wenn KI beim Entwurf hilft. Entscheidend ist, dass der Lernende das Ergebnis beurteilen, anpassen und verantworten kann.
Gesundheit und Soziales
In Gesundheits- und Sozialberufen ist die Reflexionskompetenz zentral. Pflegedokumentationen, Fallbesprechungen, Lernberichte — all das muss authentisch und persönlich sein. KI-Einsatz in diesen Bereichen ist nicht nur ein Integritätsproblem, sondern ein pädagogisches: Wer Reflexion an eine Maschine delegiert, reflektiert nicht.
Handwerk und Gewerbe
In vielen Handwerksberufen ist die KI-Frage primär bei der schriftlichen Dokumentation relevant: Arbeitsjournale, Berichte, IPA-Dokumentation. Die praktischen Prüfungen selbst — eine Küche einbauen, eine Leitung verlegen, ein Werkstück fräsen — sind KI-immun. Die schriftlichen Teile sollten mit denselben Prinzipien geschützt werden wie an Gymnasien: Entwurfspflicht, mündliche Verteidigung, bei Verdacht technische Prüfung.
Datenschutz in der Berufsbildung
Die Datenschutzfragen in der Berufsbildung sind ähnlich wie an Gymnasien, haben aber eine zusätzliche Dimension: Wenn IPA-Texte in einen Detektor hochgeladen werden, enthalten sie möglicherweise betriebsinterne Informationen — Kundennamen, Prozessbeschreibungen, vertrauliche Geschäftsdaten. Das erfordert besondere Sorgfalt:
- Anonymisierung: Betriebsinterne Angaben entfernen, bevor der Text in den Detektor fliesst.
- Schweizer Hosting: Noch wichtiger als an Gymnasien, weil Betriebsgeheimnisse betroffen sein können.
- Information des Lehrbetriebs: Der Betrieb sollte wissen, dass IPA-Texte technisch geprüft werden können — und welche Datenschutzmassnahmen greifen.
Ein konkretes Szenario: Kauffrau EFZ, zweites Lehrjahr
Anna ist im zweiten Lehrjahr als Kauffrau EFZ bei einer Zürcher Treuhandgesellschaft. In der Berufsschule muss sie eine schriftliche Arbeit zum Thema «Digitalisierung in meinem Lehrbetrieb» verfassen (Stufe 3). So läuft es ab:
- Thema und Gliederung: Anna erstellt eine Gliederung und bespricht sie mit der Lehrperson. Sie nutzt ChatGPT, um Ideen für Unterthemen zu sammeln — das hält sie im KI-Journal fest.
- Recherche im Betrieb: Anna interviewt ihren Berufsbildner über die Digitalisierungsstrategie der Firma. Dieses Interview ist originäre Arbeit, die keine KI liefern kann.
- Entwurf: Anna schreibt einen Rohentwurf und nutzt ChatGPT für Feedback zum Aufbau. Die KI schlägt vor, zwei Abschnitte umzustellen. Anna entscheidet selbst, ob sie dem folgt.
- Reinschrift: Anna verfasst die Endversion selbst. Sie nutzt DeepL Write für Grammatikkorrektur. Das KI-Journal dokumentiert alle Schritte.
- Abgabe: Die Arbeit wird mit der Eigenständigkeitserklärung und dem KI-Journal abgegeben. Die Lehrperson prüft den Text stichprobenartig mit AIDetector.ch.
- Bewertung: Die Arbeit ist gut — und nachvollziehbar selbst geschrieben. Die transparente KI-Nutzung wird positiv gewürdigt.
Empfehlungen für Berufsschulen: Der Aktionsplan
- KI-Richtlinie verabschieden: Einfach, klar, branchenangepasst. Das Fünf-Stufen-Modell lässt sich direkt übernehmen und auf die Bedürfnisse der angebotenen Berufe anpassen.
- Lehrbetriebe informieren: Ein kurzer Brief oder ein Info-Anlass zu Beginn des Schuljahres. Kernbotschaft: «So gehen wir in der Schule mit KI um. Das erwarten wir von den Lernenden. Das können Sie im Betrieb ergänzen.»
- Lehrpersonen schulen: Ein halber Tag pro Jahr zur KI-Kompetenz, mit Fokus auf Detektor-Nutzung, Aufgabendesign und Gesprächsführung bei Verdachtsfällen.
- Datenschutzkonformen Detektor beschaffen: Zentral für die Schule, mit AVV und Schweizer Hosting. AIDetector.ch bietet für Berufsschulen den entscheidenden Vorteil: Unterstützung aller Landessprachen und den Klassenzimmer-Modus für Berufsmaturitätsarbeiten.
- IPA-Richtlinien mit kantonalen Prüfungskommissionen abstimmen: Die KI-Regelung für IPAs sollte nicht jede Schule allein festlegen, sondern in Koordination mit den kantonalen Prüfungsbehörden und den Organisationen der Arbeitswelt.
Was die OdA und Branchenverbände tun sollten
Die Organisationen der Arbeitswelt haben eine Schlüsselrolle: Sie definieren die Bildungspläne und können damit den Rahmen für KI-Nutzung in der beruflichen Grundbildung setzen. Empfehlungen:
- KI-Kompetenz in Bildungspläne integrieren: Nicht als Zusatz, sondern als Querschnittskompetenz, die in bestehende Handlungskompetenzen einfliesst.
- IPA-Richtlinien aktualisieren: Klare Vorgaben, welche KI-Nutzung in der IPA des jeweiligen Berufs erlaubt ist — und wie sie dokumentiert werden muss.
- Branchenweite Empfehlungen publizieren: Kurze, praxisnahe Leitfäden für Lehrbetriebe und Berufsschulen.
Fazit: Die Berufsbildung braucht einen eigenen Weg
Die KI-Debatte in der Schweizer Berufsbildung lässt sich nicht einfach von Gymnasien oder Universitäten übernehmen. Die duale Struktur, die Vielfalt der Berufe und die enge Verbindung zur Arbeitswelt verlangen einen eigenen Ansatz — einen, der Praxisnähe und Integrität verbindet, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Die gute Nachricht: Die Berufsbildung hat einen eingebauten Vorteil, den keine andere Bildungsstufe hat. Die IPA findet unter Beobachtung statt. Das Fachgespräch ist Teil jeder Prüfung. Die praktische Kompetenz lässt sich nicht mit ChatGPT vortäuschen. Was bleibt, ist die Herausforderung der schriftlichen Teile — und dafür gibt es heute Werkzeuge, Modelle und Erfahrungen, die auch die Berufsbildung nutzen kann.
Quellen
- SBFI (Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation), Rahmenlehrpläne der beruflichen Grundbildung.
- ICT-Berufsbildung Schweiz, Bildungsplan Informatiker/in EFZ (aktualisierte Fassung).
- SKKAB (Schweizerische Konferenz der kaufmännischen Ausbildungs- und Prüfungsbranchen), Umsetzungshilfen KV-Reform 2023.
- OdASanté, Bildungsplan Fachfrau/Fachmann Gesundheit EFZ.
- Bundesgesetz über die Berufsbildung (BBG), SR 412.10.
- Bundesgesetz über den Datenschutz (nDSG), SR 235.1.